Weiter geht’s mit der Umzugsgeschichte. Kurze Gedächtnisstütze: der eigentliche Umzug war schon längst vorbei und meine Mitbewohner waren noch kräftig am Auspacken und Einräumen. Es folgt das Abendessen.
Das Abendessen verlief ähnlich harmonisch und elegant wie der Rest des Tages. Da meine Instant-Nudelsuppen auf mysteriöse Weise verschwunden waren (hmm... hatte da jemand kein Frühstück vorrätig weil alles aus dem Kühlschrank vergammelt ist?) habe ich gefragt ob sie Lust auf Abendessen hätten oder etwas aus dem Supermarkt bräuchten, da wollte ich nämlich gerade hingehen. Nein, sie wollten nix und hatten auch keinen Hunger. Also habe ich den nächsten Supermarkt lokalisiert und mir ein neues Nudelsüppchen als Abendessen geholt. Als dann wenig später die Nudelsuppe verzehrbereit in der Küche vor sich hin dampfte kamen die beiden anderen plötzlich an und meinten „Wir gehen jetzt essen, kommst Du?“. Ich zeigte nur noch ungläubig auf mein Süppchen. „Also... nee, mein Abendessen ist gerade fertig, jetzt esse ich es auch.“
Gut, vielleicht nicht sehr diplomatisch die anderen alleine essen gehen zu lassen, aber mal ehrlich... ist das denn so schwer mal vorher Bescheid zu sagen? Vor allem wenn ich auch noch frage? Andererseits sollte ich mich langsam wohl daran gewöhnt haben, dass diese Leute selten mehr als 5 Minuten weit vorausplanen und dass es schon mal die eine oder andere Kommunikationspanne gibt. Mein Mitbewohner kann nämlich auch schlechter Englisch als es scheint. Er spricht zwar verhältnismäßig akzentfrei, versteht aber längst nicht alles. Das versteckt er leider noch besser als die meisten seiner Landsmänner, denen man es auch immer an der Nasenspitze ansehen muss. Schließlich würde hier niemand freiwillig zugeben etwas nicht verstanden zu haben. Was einer reibungslosen Kommunikation nicht unbedingt förderlich ist. Aber viel zu oft redet der Junge absichtlich Unsinn, vor allem wenn die Wahrheit unangenehm wäre (sehr koreanisch!).
Zum Beispiel hatte ich mich darauf gefreut in der neuen Wohnung endlich mal die Heizung nutzen zu können. In der alten Wohnung argumentierte mein Mitbewohner nämlich damit, dass dort die Heizung über einen altmodischen Dieselgenerator betrieben wurde und das Öl dafür heutzutage viel zu teuer sei. Deswegen war die Heizung so gut wie nie an, es sei denn mein Mitbewohner, Vermieter und selbsternannter Herr über die Fußbodentemperatur (in Korea gibt es grundsätzlich Fußbodenheizung) hatte zufällig mal Lust sie einzuschalten, z.B. weil er Gäste hatte. In der neuen Wohnung haben wir aber eine modernere Heizung. Und von anderen koreanischen Wohnungen kenne ich nur durchgehend warme Fussböden, Frieren ist hier also keineswegs Volkssport (naja, vielleicht in Nordkorea). In unserer neuen Behausung war es jetzt erst einmal ganz schön kalt, also habe ich voller Vorfreude die Heizdecke erst einmal in den Schrank gepackt und als es abends kühler wurde dann die Heizung angemacht. Nachdem sich jedoch 1-2 Stunden später noch keine wirkliche Besserung der Fussboden- oder Zimmertemperatur einstellte bin ich noch mal gucken gegangen... und oh Wunder, die Heizung war plötzlich wieder aus und mein Mitbewohner hatte sich in seinem Zimmer versteckt. Ich liebe solche Kindertaktiken. Also habe ich die Heizung erst einmal ausgelassen und die Diskussion auf den nächsten Morgen verschoben. Und obwohl es langsam Frühling wird und in der neuen Wohnung weit weniger zieht als in der alten war es doch kalt genug dass ich am nächsten Morgen sofort wieder die Heizdecke rausgekramt habe. Das Thermometer im Wohnzimmer zeigte behagliche 17 °C in der Wohnung. Die nachfolgende Diskussion lief dann ungefähr so: „Sag mal... wir haben jetzt keine Ölheizung mehr und es ist doch recht kalt in der Wohnung. Also warum schaltest Du immer noch die Heizung aus?“ „Hab ich doch gar nicht.“ „Ich habe sie aber gestern Abend angemacht und kurz danach war sie wieder aus. Da muss schon jemand auf den Knopf gedrückt haben.“ „Ach so, das. Ja... wir sind ins Bett gegangen.“ Wie schön. Bleibt vielleicht hinzuzufügen dass die beiden anderen in ihrem Zimmer unter anderem einen Schreibtisch nebst Stühlen besitzen, also nicht auf dem kalten Fussboden sitzen müssen. Weitere Experimente haben ergeben dass der Fussboden in den Schlafzimmern sich leider auch kaum erwärmt wenn die Heizung läuft, das tut hauptsächlich nur der Boden im Wohnzimmer. Dafür braucht die Heizung locker 3 Stunden oder mehr um auf Temperatur zu kommen, sie also nur abends anzuschalten bringt rein gar nix. Aktuell scheinen wir bei einer Einstellung von 19°C Waffenstillstand geschlossen zu haben, aber die Heizdecke bleibt vorsichtshalber mal im Bett.
Übrigens habe ich dennoch starke Zweifel dass die Jungs beim Umzug wirklich die Nacht durchgemacht haben. Sie wirkten nämlich auch abends noch relativ fit, waren nicht am Gähnen und sind auch nicht früh ins Bett, sondern haben noch relativ lange durch die zahllosen neuen TV Kanäle geschaltet und Computer gespielt. Naja, kann mir eigentlich egal sein, ich lasse mich nur ungern verschaukeln.
Natürlich hatte ich mich auch zu früh gefreut als ich bereits kurz nach unserem Einzug wieder Internetzugang hatte. Die zwei Technikprofis aus dem anderen Zimmer haben nämlich kurz darauf beschlossen die dafür benötigten Geräte aus dem Wohnzimmer in ihr Zimmer zu transferieren. Nachdem die Internet-Anzeige von meinem Laptop gut 20 Mal von „Aus“ auf „An“ und wieder zurück gewechselt ist bin ich dann mal gucken gegangen was die beiden da treiben. „Sag mal, was macht ihr da eigentlich?“ „Oh, wir haben den Router ein paarmal neu gestartet, das Internet ging nicht.“ „Naja, das würde ich so nicht sagen. Bei mir ging es ja, wie ihr wisst. Zumindest bis jemand angefangen hat auf einem bestimmten Reset-Knopf herumzudrücken. Wenn ich ins Internet kann und ihr nicht, meinst Du dann wirklich das ändert sich wenn man nur oft genug den gleichen Knopf drückt?“ „Hmm. Hast Du jetzt noch Internet?“ „Nein. Aber irgendetwas sagt mir, dass das an einem bestimmten Knopf liegen könnte...“ Nach kurzer Wartepause ging dann auch wieder alles. Am nächsten Tag hat sich das Spielchen in ähnlicher Variante wiederholt. Diesmal hat mein Mitbewohner allerdings den Router ausgesteckt als ich gerade per Skype mit meinen Eltern telefoniert habe. Ich glaube langsam weiß ich warum es in koreanischen Haushalten kaum Messer gibt. In solchen Situationen kann das durchaus zur Vermeidung von Haushaltsunfällen beitragen!
Aber andererseits sollte ich wohl keine all zu hohen Ansprüche stellen. Schließlich wohne ich mit zwei Ingenieuren zusammen, die in stundenlanger Zusammenarbeit an der Reparatur eines Lichtschalters gescheitert sind (Das war noch in der alten Wohnung... den Schalter habe ich am allerersten Wochenende repariert um endlich wieder die Klotür schließen zu können ohne deswegen im Dunklen zu stehen. Sehr zum Verblüffen der beiden).
Am Wochenende hatte ich mir zur Abwechslung nur Ausschlafen vorgenommen. Danach habe ich mir dann überlegt, dass ich mir eigentlich mal etwas Leckeres kochen könnte. Zum Beispiel Spaghetti mit Tomatensauce. Erste Erkenntnis: kleine Supermärkte hier haben weder Knoblauch noch Tomaten in irgendeiner Form vorrätig, mit Ausnahme von kleinen Cocktailtomaten. Oregano etc. natürlich auch nicht. Also habe ich es mir anders überlegt und fertige Tomatensauce gekauft, laut Angaben sogar ohne künstliche Zusätze und Konservierungsstoffe. Zurück in der Wohnung stellte sich das Problem des eigentlichen Spaghettikochens. Wir haben eine Gasleitung und einen kleinen Gasherd, auf den hatte ich eigentlich gezählt. Dummerweise schienen Herd und Anschluss nicht kompatibel zu sein. Also Plan B: Die halbkaputten Elektrokochplatten aus der alten Wohnung, die hatte ich beim Umzug noch gesehen. Jetzt allerdings nicht mehr. Keine Ahnung wo meine beiden Zeitvertreiber die Elektroplatten versteckt haben, jedenfalls waren sie unauffindbar. Blieb noch Plan C: Der tragbare Gaskocher, den mein Mitbewohner in der alten Wohnung gerne benutzt hat. Für 1-2 Minuten ging der auch. Danach fing die Gaspatrone Feuer, vermutlich weil Gas am Übergang Patrone->Kocher entwich. Also Spaghettipackung fallengelassen, das Ding sofort ausgemacht und erst einmal gefreut dass nichts explodiert ist. Nur leider hatte ich immer noch Hunger, aber keinen Plan D. In der Situation hat mich die Tatsache gerettet dass die koreanischen Spaghetti schon vorgekocht waren und der neue Mitbewohner einen funktionierenden Wasserkocher mitgebracht hat. Diese komischen Nudeln müssen ja nur ein paar Minütchen in heißem Wasser „einweichen“. Während das Wasser langsam heiß wurde ist mir dann aufgefallen, dass wir noch nicht einmal Salz in der Wohnung haben. Dem Geschmack nach waren die vorgekochten Spaghetti aber auch schon vorgesalzen, also trotzdem genießbar. Die „Tomatensauce“ enttäuschte allerdings durch eine leicht ketchupartige Konsistenz.
Über die neue Wohnung kann ich aber eigentlich nicht meckern. Noch ist sie ziemlich sauber, auch wenn das nicht lange so bleibt wenn mein alter Mitbewohner weiterhin so fleißig putzt wie in seiner alten Wohnung. Es gibt fließend warmes Wasser ohne einen Dieselgenerator anwerfen zu müssen, also kann man jederzeit heiß duschen und mit heißem Wasser spülen. Der Wasserdruck ist außerdem vorbildlich (vorher... ach, lassen wir das), das Leitungswasser riecht nicht komisch (oder kaum), wir haben keine Ratten in der Decke, die Türen knallen nicht bei Wind, alle Steckdosen und Sicherungen funktionieren... eine deutliche Verbesserung also. Das Beste ist eigentlich der bereits erwähnte Einbauschrank. Da kann man Sachen hineintun statt sie auf den Fussboden zu legen oder im Koffer aufzubewahren. Große Klasse, sowas. Vor lauter Begeisterung kann man sogar über die hässliche und hellhörige Konstruktion des Gebäudes hinwegsehen, ich tippe aber auf ostalgische Plattenbauweise.
Sogar meinen Ersteindruck vom Fahrstuhl muss ich revidieren: Der Fahrstuhl sieht zwar schon komplett ramponiert aus, die Holzverkleidung innendrin ist aber anscheinend nur eingebaut um den Fahrstuhl vor Umzugsschäden zu schützen. Bis sämtliche Wohnungen belegt sind könnte es aber noch eine Weile dauern, die von Werbeaufklebern bedeckte Schutzverkleidung bleibt uns also erst einmal erhalten. Die Umgebung unseres neuen Heims ist eine komplett geplante Ministadt. Die Siedlung besteht aus verschiedenen Hochhausinseln unterschiedlicher Preisklassen. Wir wohnen natürlich im billigsten Viertel. Wer es etwas nobler mag zieht nach „Richeville“, was irgendwie nach einem Namen aus einem Richie Rich Comicbuch klingt. Super sind auch die „Lotte Castle“ Hochhäuser des allgegenwärtigen Lotte Konzerns. Als Logo prangen daran riesige gelbgoldene Adlerwappen, die nachts leuchten. Da diese Dinger aussehen wie Staatswappen oder Polizeiabzeichen mutet das Ganze abends ein wenig an wie eine Kulisse aus einem düsteren Science Fiction Streifen (so Richtung Judge Dredd, Vendetta oder Equilibrium). Um die Hochhäuser herum wurde alles platziert was man so braucht, von Spielplätzen, Supermärkten, Kirchen und Schulen bis zu einer Bank (leider bin ich bei einer anderen) und mehreren Taekwondo Schulen. Letzteres ärgert mich besonders. Jetzt, wo mein Aufenthalt hier quasi vorbei ist haben wir plötzlich ganze drei Taekwondo Clubs direkt vor der Haustür! Mal wieder perfektes Thai Ming (Thai Ming ist die alte asiatische Kunst immer genau pünktlich zu sein, später von Britischen Großmeistern zum sogenannten „ti-ming“ weiterentwickelt). Die praktisch denkenden Städteplaner haben auch direkt daran gedacht dass die ganzen Bewohner der neuen Hochhäuser ja auch irgendwohin müssen wenn sie fertig gewohnt haben. Ergo wurde hinter dem nächsten Hügel eine passende große Friedhofsanlage gebaut.
Zum Abschluss dieses (leider wieder viel zu lang gewordenen) Textes muss ich noch erwähnen, dass es diese Woche in der Firma noch einmal „westliches“ Essen gab. Das westlichste daran war eigentlich die Tatsache dass es Messer und Gabel dazu gab. Das Menü bestand nämlich aus einem panierten Schnitzel, Nudelsalat und Kartoffelsuppe. Klingt zwar recht europäisch, alle drei Gerichte gibt es aber auch hin- und wieder als Teil des normalen Essens. Nur eben nicht alle drei zusammen. Und die Schnitzelstückchen sind sonst kleiner, damit man sie besser mit Stäbchen essen kann. Aber wenn alles zusammen serviert wird merkt man doch schnell dass die Kantine mehr Erfahrung mit richtig koreanischem Essen hat! Das ist vor allem schade, weil die Kollegen (die übrigens scheinbar alle total auf Kartoffelsuppe stehen… würde ich aber auch wenn man versucht hätte mich mit Seetangsuppe großzuziehen) natürlich alle dachten ich wäre total happy westliches Essen zu kriegen. Aber ich will mich nicht beschweren: es war fisch- und seetangfrei, also prima. Zum Spaß habe ich dann das ungewohnte Besteck aus Messer und Gabel erst einmal verwirrt angeschaut und wie Stäbchen in die Hand genommen, den Scherz hat aber niemand verstanden. Mein Gegenüber schaute mich nur total entgeistert an und machte mir demonstrativ vor wie man das Esswerkzeug korrekt einsetzt. Wahrscheinlich sind asiatische Komödien deswegen auch immer total übertrieben… sonst merkt gar keiner dass gescherzt wird! Ein tolles Detail beim westlichen Essen war auch noch die Beigabe einer Orangenscheibe zum Schnitzel statt eines Zitronenstücks. Ich habe mich nur gewundert warum ich Orange auf mein Schnitzel träufeln soll und die Scheibe danach komplett ignoriert. Das hat bei der Tellerabgabe dann plötzlich für große Aufregung gesorgt. „Oh, guck mal, der Deutsche hat seine Orangenscheibe gar nicht mitgegessen!“ „Ja, wieso das denn nicht, die ist doch noch gut!“ Ein Kollege hat die Problemscheibe dann schnell aufgemampft. Lustig.
Ein kleines Mysterium wurde bei diesem Essen ebenfalls gelüftet. Und zwar war ein Kollege kürzlich eine Woche in Deutschland und hat mich danach gefragt warum wir Deutschen denn alle so schnell essen würden. Mich hat die Frage verwirrt, ich war nämlich der Meinung dass die Koreaner viel schneller essen. Meist bin ich als einer der letzten fertig und muss mich beeilen weil normalerweise alle gemeinsam aufstehen, die sich gemeinsam hingesetzt haben und Koreaner nun mal ein recht ungeduldiges Völkchen sind. Entsprechend verblüfft war ich als beim westlichen Essen alle länger gebraucht haben als ich. Messer und Gabel sind scheinbar für Ungeübte nicht unbedingt einfacher zu bedienen als Stäbchen!

























