Die Stadt Daegu selbst hat übrigens einen merkwürdig provinziellen Eindruck hinterlassen. Busan fühlt sich schon immer sehr klein an, obwohl dort immerhin ca. 3,7 Millionen Menschen wohnen. Aber Busan mangelt es auch an einem richtigen Stadtkern, wie man ihn sonst gewohnt ist. Alles verteilt sich irgendwie ein wenig und es gibt keinen definitiven Bereich wo man sagen würde DAS ist die Innenstadt! In Daegu ist die Innenstadt zwar etwas offensichtlicher samt Hochhäusern und Einkaufsmeile, dafür mangelt es aber an Infrastruktur. So gibt es „nur“ zwei U-Bahn Linien, die wesentlich kürzer sind als in Busan. Dafür gibt es an mehreren Stellen Bushöfe, die auch noch jeweils aus mehreren Teilbushöfen bestehen. Der Bushof in Busan, von dem aus ich normalerweise Fernbusse nehme, besteht zwar theoretisch auch aus zwei verschiedenen Bushöfen, praktisch kann man aber alle Tickets an einer Stelle kaufen. In Daegu waren alleine dort wo wir angekommen sind mindestens 4 verschiedene Bushöfe, die alle unterschiedliche Ziele angeboten haben. Wenn man sich dort nicht genau auskennt muss man also alle 4 nacheinander abklappern um den zu finden, von dem aus Busse zum gewünschten Zielpunkt fahren. Um nach Haeinsa zu kommen mussten wir aber sowieso erst einmal die ganze Stadt durchqueren um zu einem weiteren Bushof zu gelangen. Es wirkt also alles irgendwie eher planlos und unausgegoren, nicht wie in einer großen Metropole wo alles aufgrund der hohen Einwohnerzahl glatt laufen muss. Dabei hat die Stadt Daegu etwa 2,7 Millionen Einwohner. Größte Stadt Koreas ist Seoul (10,4 Millionen Einwohner, das ist etwa ein Fünftel der Einwohner von Korea!), dann folgen Busan, Incheon und Daegu. Incheon und Daegu haben etwa gleich viele Einwohner, daher ist es schwierig zu sagen welche wirklich die drittgrößte Stadt von Korea ist. Dabei ist noch zu erwähnen dass der internationale Flughafen von Seoul eigentlich in Incheon liegt und beide Städte sogar per U-Bahn verbunden sind. Es ist also schon quasi schwierig Incheon als unabhängige Stadt zu sehen. Aber zurück zu Daegu.
Nach dem Einkaufen sind wir noch für ein Weilchen in einer Kneipe namens „Muinhen Ice Beer Pub“ eingekehrt. Muinhen ist das, was dabei rauskommt wenn die Koreaner „München“ buchstabieren. Entgegen unserer Hoffnungen gab es dort keine einzige deutsche Biersorte, allerdings ein paar Sorten aus Japan, Belgien, Holland und den USA. Wir haben dann lieber mal koreanisches Bier vom Fass probiert. So lange man es nicht direkt mit einem richtigen Bier vergleicht kann man es einigermaßen trinken. Ausländisches Bier kostete im „Muinhen“ auf jeden Fall drei- bis viermal so viel wie ein lokales Bräu. Man hatte sich bei der Namensgebung daher wohl eher an den Preisen des Münchner Oktoberfestes orientiert. Die Ausstattung der „Kneipe“ war auch eher ungewöhnlich. Obwohl durchaus ein wenig Kneipenatmosphäre herrschte saß man auf bequemen, modern designten Sofas und auch die Deko erinnerte mehr an eine trendige Lounge als an eine Bierkneipe. Dafür konnte man auf einer Leinwand einer Begegnung im Kickboxen folgen. Wie immer haben die meisten Koreaner zu ihren Getränken reichlich Essen bestellt; wer nichts bestellt hat wurde alibimäßig mit ein paar süßen Kräckern und Seetangblättchen mit Sojadip versorgt. Ich möchte zwar nicht jedes Mal beim Trinken auch noch Unmengen essen, finde es aber durchaus angenehm dass man hier in so ziemlich jeder Kneipe die Möglichkeit hat, gutes und günstiges Essen zu bestellen. Bleibt noch zu klären was ein „ice pub“ ist. Wer eine bestimmte Biervariante (ich glaube ein großes Glas Fassbier, wir hatten uns zusammen einen Pitcher bestellt) bestellt, der erhält in dieser Kneipe ein Gestell mit einem runden Eisblock, in dem sich das Glas befindet. Wenn man das Bier ausgetrunken hat, dann kriegt man einen Handschuh und darf mit dem Eisblock auf eine Zielscheibe werfen um sich ein Freibier zu erspielen. Eigentlich eine ziemlich lustige Idee. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass die große Zahl von Amerikanern in dieser Kneipe dadurch zu erklären ist. Wenn man schon keine Eiswürfel in sein Bier kriegt, dann ist ein Bier im Eisblock vermutlich die beste Alternative für den amerikanischen Gaumen.
Nach dem kurzen Ausflug ins koreanische München wurde es dann langsam Zeit einen Schlafplatz zu finden. Dummerweise hatte ich es versäumt, zu Hause noch die Namen einiger Jimjilbangs aufzuschreiben. Aus Gründen, welche mir bislang noch nicht ausreichend bekannt sind, geben Taxifahrer nämlich sehr ungern Auskunft über den Fundort des nächsten Jimjilbang und fahren einen auch nur dorthin, wenn man ein Jimjilbang beim Namen nennen kann. Nach diversen Überlegungen wollte ich dann gerade in einer Telefonzelle die Gelben Seiten (gibt’s auch hier!) nach geeigneten Jimjilbangs durchforsten als uns auch schon zwei Koreaner ihre Hilfe angeboten haben. Manchmal sind die Leute hier ja doch wirklich hilfsbereit und freundlich! Hilfsbereite und freundliche Leute ergreifen in Korea jedoch nie den Beruf des Taxifahrers. Also, Namen gewusst, Taxi genommen (Kostenpunkt: 2 Euro), Jimjilbang gefunden. Leider waren wir spät dran und die Bäder wurden gerade geputzt, also gab’s nur noch ein kurzes Aufwärmen in einer halbwarmen Gemeinschaftssauna und eine heiße Dusche bevor wir uns mit ein paar Decken bewaffnet eine ruhige Ecke zum Schlafen gesucht haben. Zur Erinnerung: der Badebereich mit Dampfbädern und heißen Saunen ist nach Geschlechtern getrennt und nackt zu benutzen. Der Gemeinschaftsbereich wird nur in speziellen Klamotten betreten, bietet viele Saunen im lauwarmen bis warmen Bereich und verfügt ansonsten über Fußbodenheizung. Man kann nicht nur überall schlafen wo man möchte sondern tut es auch.
Nach kurzem Schlaf kamen dann gegen 3 oder 4 Uhr morgens leider wieder die unvermeidlichen Besoffenen herein getorkelt. Ich hatte mir gerade im Halbschlaf fest vorgenommen einfach weiter zu schlafen als auch schon einer von ihnen auf mich drauf getreten ist. Danach war ich leider wach, er hat sich aber wenigstens entschuldigt. Wenige Sekunden später wurde neben und hinter mir nach Leibeskräften geschnarcht. Synchron fing eine Frau an ihren Mann halblaut zurechtzustutzen. Den genauen Wortlaut konnte ich nicht verstehen, ich bin mir aber ziemlich sicher dass er der Meinung seiner Frau nach weniger trinken sollte und dass sie nicht unbedingt eingeplant hatte mitten in der Nacht mit ihrem besoffenen Mann ein Jimjilbang aufzusuchen. Die Nachzügler haben sich übrigens ziemlich schmerzfrei an jede freie Stelle gedrängt, daher habe ich die Gelegenheit genutzt mich auf meiner Decke so breit wie möglich zu machen und wurde von all zu aufdringlichen Nachbarn verschont. Die Schnarcherei und Streiterei ging noch lange genug weiter um eine ganze Reihe Leute aus dem Raum zu vertreiben, aber irgendwann war dann endlich „Ruhe“.
Aufgeweckt wurde ich am nächsten Morgen durch eine Frauenstimme, die leise stöhnend so etwas wie „ah... ja... ja... oh, jaaaaa!“ von sich gab, begleitet von einem leise klatschenden Geräusch. Ich habe mir noch mit geschlossenen Augen gedacht dass es wahrscheinlich nicht das ist, wonach es klingt, aber dann lieber mal die Augen aufgemacht um mich zu vergewissern. Ein paar Schlafplätze weiter war gerade ein Mann dabei, seiner Frau/Freundin den Rücken zu massieren. Ein Schelm, wer anderes erwartet hat. Caro hatte nachts ihren Platz gewechselt und ist ein paar Meter weiter gezogen. Sie war nämlich nicht so schlau sich auf ihrer Decke schön breit zu machen und so hat sich jemand einfach dazugelegt. Plötzlich eine Schnapsleiche neben sich auf der Decke liegen zu haben ist ja schon grenzwertig. Allerdings war besagter Trunkenbold wohl auch sonst nicht kontaktscheu und hat sich dann später schön an sie gekuschelt. Das hat dann doch gereicht um sie in die Flucht zu schlagen, aber der Typ hat sich auf diese Weise zumindest eine Decke erobert. War aber halb so schlimm, schließlich hatte sie sich zwei Decken ausgeliehen.
Nach einer Runde Sauna und Planschen im Jimjilbang, was wie immer sehr neugierig von den Koreanern verfolgt wurde (die gucken ja schon doof wenn man noch angezogen ist) ging es wieder hinaus in die Kälte. Eigentlich wollten wir uns nun den bekannten Heilkräutermarkt von Daegu angucken, ein Markt für Zutaten und Mittelchen der traditionellen koreanischen Medizin und der größte seiner Art in diesem Land. Dummerweise war von einem richtigen Markt nichts zu sehen und die ganzen Heilkräutergeschäfte dort haben sonntags geschlossen. Nächster Programmpunkt wäre der Donghwasa Tempel gewesen, der für einen großen Steinbuddha bekannt ist. Leider war ich mir nicht mehr ganz sicher von wo aus ein Bus zu diesem Tempel fährt und meine leicht übermüdete Reisegefährtin schien auch nicht besonders motiviert zu einer Suche nach selbigem. Also haben wir uns statt in einen Bus zum Tempel in einen Bus zurück nach Busan gesetzt und waren somit schon zur Mittagszeit wieder in Busan. Da die seltene Freizeit genutzt werden will habe ich meine Mitstreiterin dort mit Wünschen zu einer geruhsamen Nacht verlassen und mich noch schnell in einen Bus Richtung Tongdosa gesetzt. Das ist der Tempel zu dem ich es letztlich nicht mehr geschafft habe und die Fahrt dorthin dauert nur ein halbes Stündchen.
Falls jemand das Muster bemerkt hat: es ist kein Zufall, dass alle Tempelnamen hier in –sa enden. Diese Endung bedeutet einfach „Tempel“. Korrekt wäre also z.B. auf Deutsch zu sagen Tongdo-Tempel, statt Tongdosa Tempel, da dies doppelt gemoppelt wäre. Viele Tempelnamen klingen ohne das –sa in meinen Ohren allerdings ein wenig komisch, daher kann es durchaus vorkommen dass ich manchmal doppelt moppele. Es lässt sich auch nicht abstreiten, dass ich auffällig viele Tempel in meiner Freizeit abklappere. Tempelgucken und Wandern zählen aber unbestreitbar zu den Hauptattraktionen für Touristen in diesem Land. Gewandert bin ich (meiner Meinung nach) schon in ausreichendem Maße, außerdem wird Wandern mit zunehmender Kälte und abnehmender Baumbegrünung nicht unbedingt attraktiver. Bleiben also noch Tempel, zu denen man (ohne Auto) meist sowieso ein Stückchen hin wandern muss und die zum Glück meist in malerischen Bergregionen liegen. Die Tempel finde ich bisher auch noch recht interessant (ich verbringe ja nebenher genug Zeit in den Städten etc.) und im Vergleich zu dem konfuzianischen Schrein von letztlich gibt es dort wirklich viel zu gucken! Außerdem sind buddhistische Mönche grundsätzlich erstmal faszinierend, auch wenn sie leider kein Kung Fu machen. Also hoffe ich, mein ständiges Tempelgeschwafel (und die ständigen Tempelfotos) langweilen noch niemanden. Wen es beruhigt: es gibt nur noch 2 Tempel hier in der Nähe die ich mir angucken möchte (3 falls ich doch nochmal nach Daegu fahre) und dann ist erstmal Schluss mit der Tempelei.
Aber zurück zum Tongdo-Tempel. Im Lonely Planet steht, man soll sich dem bescheidenen Bushof zuwenden und zu linker Hand die erste Straße in diese Richtung nehmen. „Bescheidener Bushof“ ist dabei allerdings die Übertreibung des Jahrhunderts, da ich außer zwei stinknormalen Bushaltestellen nur einen winzigen Kiosk ausmachen konnte. Der Kiosk verkaufte aus einem winzigen Seitenfenster aber immerhin Busfahrkarten. Also habe ich zur Sicherheit nochmal nach dem Weg gefragt, es war nämlich erstmal weit und breit kein Tempel zu sehen. Die Wegbeschreibung stimmte tatsaechlich im Großen und Ganzen. Das Städtchen, welches den Tempel umgibt ist nur leider ein wenig trostlos. Man geht ca. 1km durch eine phantasielose Landschaft aus billigen Motels, Supermärkten und Restaurants bzw. Snackbuden bis zum Haupttor („Haupteinfahrt“ wäre passender!) von Tongdosa. Die ganze Kleinstadt scheint komplett von den Touristen zu leben, die diesen Tempel besuchen (und das sind hauptsächlich Koreaner)! Von der Einfahrt bis zum eigentlichen Tempel ist es zu Fuß ein weiterer Kilometer, diesmal allerdings durch einen Waldweg, der beidseitig von bunten Lampions geschmückt war. Rechts vom Weg konnte man den einen oder anderen großen Felsen sehen, an welchen sich die Mönche der vergangenen Jahrhunderte anscheinend mit dem Eingravieren buddhistischer Texte beschäftigt haben.
Spätestens wenn man sich dem eigentlichen Tempel nähert warnt einen der riesige Parkplatz davor, dass hier etwas mehr Betrieb herrscht als anderswo. Gegen Tongdosa war waren selbst die anderen großen Tempel geradezu menschenleer und wie ausgestorben! Die Mönche von Tongdosa scheuen sich dabei auch nicht ordentlich Geschäft aus den Besucherscharen zu schlagen. Der Tempel verfügt über ein massives Museum (bin nicht drin gewesen, sieht aber aus als könnte es einem Krieg standhalten... vielleicht haben sie Angst die Japaner kommen wieder und bringen Streichhölzer mit?), Restaurants, Souvenirshops und was man sonst noch so braucht um große Menschenmassen abzufertigen. Aber so touristisch dieser Tempel auch schien: es wurde überall fleißig gebetet. Der Tempelkomplex ist wirklich groß. Das bemerkt man schon dort, wo normalerweise die Glocke hängt. Statt einer einsamen Glocke hängen in dem Gebäude nämlich genug Glocken, Trommeln und Gongs um eine halbe Bigband zu beschäftigen! Auch die Gebäude sind entsprechend groß, daher bin ich ausnahmsweise auch mal reingegangen. Hier sind einige Hallen nämlich dermaßen ausgedehnt, dass man problemlos durchlaufen kann ohne die Leute beim Beten zu stören.
Tongdosa ist einer der drei „Juwelentempel“ in Korea, also der drei wichtigsten buddhistischen Tempel des Landes. Sie repräsentieren die drei „Juwelen“ des Buddhismus, also die drei wichtigsten Schätze. Dabei steht Tongdosa für Buddha selbst. Haeinsa, den ich am Vortag besucht habe, ist ein weiterer Juwelentempel und steht für die buddhistischen Lehren. Der dritte Haupttempel trägt den Namen Songgwangsa und repräsentiert die buddhistische Gemeinschaft. Songgwangsa liegt leider weder in der Nähe von Busan noch in der Nähe weiterer Sehenswürdigkeiten, daher werde ich da nicht unbedingt hinfahren. Da Tongdosa für Buddha steht werden hier angeblich auch ein paar persönliche Reliquien von Buddha aufbewahrt. Diese sind in einer buddhistischen „Stupa“ (übliches Grabmal für buddhistische Mönche) aufbewahrt, welche in einem abgegrenzten Bereich begutachtet und angebetet werden kann. Aufgrund dieser Stupa ist im Hauptgebäude des Tempels auch keine Buddha-Statue ausgestellt. Normalerweise ist das ein Ding der Unmöglichkeit in koreanischen Tempeln, daher ist Tongdosa auch als „Tempel ohne einen Buddha“ bekannt. Wer trotzdem lieber drinnen betet kann die Stupa durch ein großes Fenster an der Stirnfläche des Hauptgebäudes bewundern. Auf diese Weise ist auch hier Allwetterbeten möglich.










